Im November 1930, bei einem Schulungskurs für Frauenvereine und Mädchenkränze in Triebswetter, lernte ich Schw. Hildegardis näher kennen bei einem Gespräch über das Klosterleben. Zu diesem Leben fühlte ich mich hingezogen. – Meine Eltern waren nicht begeistert von meinen Plänen. In der Adventszeit 1930 fuhr meine Mutter mit mir zu Schw. Hildegardis, um einmal zu hören, was das eigentlich sei. Schw. Hildegardis wohnte damals noch ganz allein im Domherrenhaus in der Str. Matei Corvin. Sie sagte uns, dass Ende Januar 1931 Mutter Priorin mit zwei Schwestern zum Dableiben von Freiburg käme und dass damit die klösterliche Niederlassung beginne; sie wollten dann meine Eltern und meine ganze Familie in meinem Heimatort besuchen.
Anfang Februar 1931 kam Mutter Priorin mit den drei Schwestern zu uns nach Hause zu Besuch. Ich hatte mich fest entschlossen, ins Kloster zu gehen. Schw. Hildegardis wünschte, dass ich in meiner schwäbischen Tracht komme. Meine Mutter richtete alles neu her. Der 10. Februar 1931 war bestimme für die Abfahrt. Am Vormittag vorher wurde der Wagen geladen mit meiner Aussteuer. In der Früh wurden zwei schöne Pferde angespannt; mein Vater, mein jüngster Bruder und ich stiegen auf und zwar fuhren nach Temeswar, 15 km weit. Es war ein schöner kalter Morgen – unterwegs sagte mein Vater: „Viele Male bin ich diesen Weg gefahren, aber dieser ist der schwerste.“ Ohne viele Worte nahmen mein Vater und mein Bruder Abschied. – Ich hatte mich innerlich gelöst von all dem Schönen und Weiten, was eine Banater Landwirtschaft bietet: vom lieben Elternhaus, von seiner Geborgenheit, den Geschwistern, all unseren lieben Tieren – ich hoffte eine andere Familie zu finden und Gott zu dienen.
Ich fühlte mich sehr wohl in der Gemeinschaft der drei Schwestern. Es beeindruckte mich sehr, wenn die Schwestern in der bescheidenen Wohnung vor dem großen Kreuz kniend ihr lateinisches Gebet verrichteten. Ich verstand nichts davon und doch freute ich mich auf die Zeit, wenn ich dann mitbeten darf.
In der Zeit von Februar 1931 bis August 1932 half ich im Haushalt mit; mittags holte ich im Priesterseminar mit einem Essenträger das Essen. Die Schwestern sollten auf Anordnung des Bischofs von der Seminarküche verköstigt werden; es war ein Weg von 1 1/2 Stunden – nur wenn es regnete, konnte ich mit der Straßenbahn fahren, es wurde gespart. Oft war ich tagsüber allein. Die Schwestern waren auf Vortragsreisen und Hauspflegen. – Abends nahm Schw. Hildegardis mich oft mit in den Gertrudis-Mädchenkranz in die Gruppenstunde; dann hatten wir in der Banatia einen Singkreis mit dem Mädchenkranz und den Lehrerpräparanden und den größeren Schülern. Musikprofessor Eck machte mit uns Atem- und Tonübungen. Es wurden Volkstänze geübt und Laienspiele geprobt für die Mädchenfeste 1931 in Radna und 1932 in Temeswar.
Am 17.09.1931 zogen wir in das große, neue Haus in der Kronengasse in der Elisabethstadt. Das ganze Haus war frisch gerichtet, alle Räume erneuert, die Wände frisch gekalkt – nach dem Wunsch von Schw. Hildegardis – Fenster, Türen und Fußböden mit Ölfarbe gestrichen, wie es im Banat üblich ist. Die Räume waren so groß und so viele, dass wir vier Personen uns fast verloren.
Vor dem Winter 1931 kam noch Schw. Aloysia aus dem Mutterhaus, die viel in Hauspflege gearbeitet hat. Bald hatten wir eine schöne Kapelle und hatten dann jeden Tag hl. Messe bei uns. Es gab auch neue Bänke, und die Schwestern konnten nun beim Chorgebet sitzen.
Anhang Januar 1932 erkrankte Schw. Hildegardis an Scharlach. Das Haus war sehr groß, und so konnte sie mit ihrer Pflegerin, Schw. Veronika, gut isoliert werden. Essen und gehacktes Holz – es war ein sehr kalter Winter – wurden durch die Glastüre in den Gang geschoben, so auch die Nachrichten und Wünsche.
Anfang Sommer 1932 kam P. Damasus Zähringer von Beuron zu uns; er hat im Priesterseminar gearbeitet und bei uns gewohnt. Chorgebet hat er mit uns gebetet; die Schwestern bildeten die eine Chorseite und P. Damasus und ich die andere.
Langsam durfte ich mich auf die Reise ins Mutterhaus nach Deutschland vorbereiten. Am 14. August zur Matutin von Maria Himmelfahrt durfte ich die ersten Schritte, in die für mich so heiligen Räume machen. Bald darauf sollte Schw. Hatumoth ins Banat fahren, um über Winter in den Dörfern für die Frauen und Mädchen hauswirtschaftliche Kurse zu halten über Milchverarbeitung, Käsebereitung, etc. Schw. Hatumoth wollte nun von mir wissen, wie es in einem Banater Bauerndorf zugeht. Ich erzählte ihr, wie in meinem Elternhaus in der Landwirtschaft gearbeitet wird. Sichtlich erstaunt hörte sie mir zu und meinte, wenn das so ist, wüsste sie nicht, was sie den Leuten Neues dort bringen solle. Im Frühjahr 1933 kam sie wieder zurück nach Freiburg. Erfreut und begeistert sagte sie mir: „Sie haben nicht übertrieben mit dem, was Sie sagten über das Leben und Arbeiten der Banater Bauern. Im Banat ist ein Bauern-Königtum!“ Diese Äu0erung tut mir heute noch gut. Leider hat der Kommunismus alles zerstört.
1932/33 war ich im Hedwigshaus, lernte Säuglings- und Kleinkinderpflege und machte das Staatsexamen.
1934 war ich im Noviziat, dann in Konstanz in der Frauenklinik, um die Wochen- und Krankenpflege praktisch zu lernen. Am 1. Januar 1936 kam vom Mutterhaus der Telefonanruf, dass meine Fahrkarte da sei und das Krankenhaus in Temeswar fertig! Also reiste ich auf dem kürzesten Wege über Freiburg nach Temeswar zurück.
In den 3 1/2 Jahren meiner Abwesenheit hatte sich vieles verändert: alles war erweitert und vergrößert. 9 reichsdeutsche Schwestern und 10 Postulantinnen bevölkerten das Kloster; ein Stockwerk war aufgebaut worden durch H. P. Petrus für die Volkshochschule. Es wimmelte überall von Schülerinnen der Volkshochschule, und drüben stand das Krankenhaus fertig. Ich wurde auch gleich im Krankenhaus einquartiert. Schw. Veronika und Schw. Magdalena konnte ich nun viel helfen beim Einrichten. Die Fußböden waren gebrettert und gebeizt, dann gewachst, die Zimmer hatten alle fließendes Wassen; es kamen die neuen Krankenbetten, wie ich sie von Konstanz her kannte, gute Matratzen, zu jedem Bett Nachttisch und Waschschüssel, in jedem Zimmer den Tisch mit zwei Stühlen. Es gab zu jedem Bett zwei Kissen, zwei Wolldecken; die Bettfedern waren von den Frauenvereinen auf den Dörfern geschenkt worden, schöne Bettwäsche und noch manches andere. Das Operationszimmer hatte einen sehr großen Kachelofen, der vom Hof aus geheizt wurde; die anderen Zimmer hatten je zwei einen Kachelofen; sie wurden alle mit Holz und Brikett geheizt. Es wurde März 1936 bis alles fertig war; dann war die erste Operation und auch bald die erste Geburt. Leitender Arzt war Dr. Mühle; ihm assistierten Dr. Simonsitz und Dr. Simon. Im Haus selber wohnte Frau Dr. Schneider; sie machte Narkosen und auch Assistenz. Kinderärzte aus der Stadt (Dr. Corcan, Dr. Sauer, Dr. Mittenberg) brachten kranke Kinder, soweit bei uns Platz war. Das Haus hatte zuerst 16 Betten (ohne Kinder), nach dem Anbau 25.
Es folgten nun arbeitsreiche Jahre. Wir waren glücklich in unserem schönen und gutaussehenden Krankenhaus St. Anna oder Anna-Spital. Wir haben Freud und Leid mit den Familien, die einen Patienten bei uns hatten, getragen – mit denen, die ihre Angehörigen gesund heim bekamen, und auch mit denen, bei denen es anders kam. Vier Ärzte arbeiteten bei uns, auch drei Kinderärzte brachten ihre Sorgenkinder; es war eine schöne Zusammenarbeit. Ich konnte erworbene Kenntnisse vom Hedwigshaus gut verwenden, habe in der Praxis viel, viel dazugelernt, ebenso das Erlernte aus der Frauenklinik in Konstanz in der Wochen- und Krankenpflege gut verwerten. Unser Krankenhaus hatte einen guten Ruf; von weither kamen die Frauen zur Entbindung und zu Operationen. Sie erwarteten gewissenhafte und saubere Pflege für Mutter und Kind. Das Essen für unsere Patientinnen wurde in der Klosterküche zubereitet und in einem Korb herübergetragen. Das Krankenhaus war bald schon zu klein, 1939 wurde angebaut. Der Neubau wurde unterkellert; eine Waschküche, Bügelzimmer und ein Wäscheraum wurden eingebaut im Keller. Über diesen Räumen war ein ganz modernes Kinderzimmer eingerichtet, das durch eine Glaswand von der geräumigen Diele getrennt war. Von der Diele aus konnten die glücklichen Väter nun ihre Sprösslinge beobachten. Teeküche und Badezimmer waren auch neu eingerichtet. Über dem Kinderzimmer war für unsere alten Leute eingerichtet.
Anfang der 40er Jahre war dann wohl der Höhepunkt erreicht. Der Krieg und die allgemein schlechter werdende Lage machten sich bemerkbar. Arbeit hatten wir genug; nur die Anschaffung des Nötigen wurde immer schwieriger, z. B. Holz! Manchmal war das Operationszimmer recht kühl. Wenn eine Frau in der Nacht zur Entbindung kam, musste das Bett mit Wärmflaschen erwärmt werden und die Luft durch Entzünden von Spiritus; die Arbeit war oft recht mühsam.
Wir hatten immer auch Schülerinnen, Mädchen, die Kinderpflege lernten, um in Familien in Stellung zu gehen. Die Pflegerinnen aus dem St. Anna-Spital waren sehr gesucht.
Schön war jedes Jahr der 26. Juli, der Namenstag unseres Hauses. Das Fest wurde am Abend im Garten unter den großen Nussbäumen gefeiert bei Beleuchtung und festlich gedeckten Tischen. Es waren die Ärzte und Gönner des Hauses mit ihren Familien eingeladen, die sich alle bei uns immer sehr wohlgefühlt haben.
Das Jahr 1944 brachte uns viel Kummer. Oft hatten wir Fliegeralarm; fast jede Nacht mussten wir die Kinder und die Patientinnen in Sicherheit bringen. Zweimal wurde der Bahnhof bombardiert, ganz in der Nähe, es war oft große Aufregung.
Am 23. August 1944 war der Umsturz. Das ganze Land war voll mit deutschen Soldaten, die nun auf einmal Gefangene der Alliierten waren. Bis die Russen kamen, war es etwas ruhiger, aber dann kamen von der nahen Grenze wieder die Deutschen, und vor Temeswar stießen die Fronten aufeinander. Es war ein unbeschreibliches Durcheinander. Der konnte, versuchte mit den Deutschen nach Westen zu flüchten. Anfang September 1944 wurden dann unsere reichsdeutschen Schwestern interniert. Für uns alle war das ein harter Schlag. Im Kloster und im Krankenhaus musste alles weitergehen. Jeder war einsatzbereit, stand fest und treu an seinem nun mit viel mehr Arbeit belasteten Platz.
Ein neuer Schlag: am 13. Januar 1945 in der Nacht wurden unsere jungen Mütter und Mädchen, auch junge Burschen – noch Kinder -aus den Betten geholt, in Schulräumen gesammelt, in Viehwagen verladen, nach Russland geschickt. Viele sahen ihre Kinder und Eltern nicht mehr. Es war wie ein großes Begräbnis. – Bald folgte auch die Enteignung: den Bauern wurden nach und nach ihre ganzen Felder weggenommen.
Im November 1945 kamen die ersten Krankentransporte aus Russland zurück. So kam die erste Nachricht überhaupt von den Verschleppten. Zu uns kamen zwei Frauen, die in Russland ihre Kinder geboren hatten; von der Bahn kamen sie gleich zu uns, um ihre Babys in Ordnung bringen zu Lassen.
Die Schwestern kamen im Advent wieder zurück aus der Internierung. Sie kamen in sehr schlechtem gesundheitlichem Zustand und brauchten schon einige Zeit, bis sie nieder einsatzfähig waren; aber so leistungsfähig wie früher wurden sie alle nicht mehr – es fehlte ja auch die entsprechende Ernährung.
Die Jahre 1945 bis 1948 waren im Krankenhaus arbeitsmäßig ziemlich gleich geblieben. Im allgemeinen wurde die Unsicherheit immer größer, Unheil lag drohend in der Luft. – Den Bauern, die nicht geflüchtet waren, wurden die Felder enteignet, auch Vieh und Häuser. Armut zog überall ein und ist bis auf den heutigen Tag nicht gewichen. Das spürten wir auch, besonders im Krankenhaus.
Am 3. November 1948 gegen 9 Uhr vormittags stürmte plötzlich eine Schar unrasierter und ungepflegter Männer ins Krankennaus und schrie, das Spital sei verstaatlicht, es dürfe niemand das Haus verlassen und niemand hereinkommen. Es waren 8 Männer, jeder hatte eine Behinderung; sie waren sehr brutal und machten Inventarlisten von allen Gegenständen. Am anderen Morgen, als sie geschlafen und gegessen hatten, waren sie menschlicher. Sie hatten uns auch über Nacht eine Wache ins Haus gesetzt, dass ja nichts bewegt werden sollte. Einer, der unser Direktor wurde, erklärte: sie wurden drei Tage und drei Dächte in einem Keller mit vielen anderen zusammengesperrt, bekamen nichts zu essen und wussten nicht, was mit ihnen geschehen sollte. Am dritten Tag schickte man sie dann in alle privaten Krankenhäuser „zum Verstaatlichen“. Sie wären also alle nicht normal gewesen am Vortag. – Wir durften in unserem Hause Weiterarbeiten, die reichsdeutschen Schwestern durften aber das Haus nicht mehr betreten. Nach kurzer Zeit sollten wir versetzt werden, Schw. Annemarie nach Klausenburg, ich nach Bukarest. Wir nahmen die Versetzung nicht an, blieben aber weiter im Krankenhaus. Die Entbindungen hörten auf; das Haus sollte zum „Siechenhaus“ werden. Sie brachten Kranke, die niemanden hatten, und zum Sterben waren, meist TBC. Im Mai 1949 brachten sie wieder Frauen zur Entbindung, ohne die Räume vorher zu desinfizieren. Es waren schwere Monate.
Wir wussten auch schon, dass das Ende unserer klösterlichen Gemeinschaft in Aussicht stand. Schw. Annemarie und ich machten noch bis 14.08. abends Dienst – dann war unsere Arbeit in unserem geliebten Krankenhaus St. Anna zu Ende.
In Angst und Unsicherheit verbrachten wir die letzten Tage in unserem Kloster, schon in Zivil. Posten bewachten unser Haus Tag und Nacht, wir durften es noch nicht verlassen. Eines Tages mussten wir unser Bündel in den Hof bringen, es wurde nachgeschaut, ob wir nicht etwas Unerlaubtes eingepackt hätten, und dann hinausgejagt. Frau Priorin und Schw. Veronika blieben in Temeswar. Unsere Wege trennten sich, jeder nach seinem Gutdünken. Solange Frau Priorin nicht verhaftet war, trafen wir uns öfter in der Kirche (in der Elisabethstadt), auch in der Aula (Bischöfliches Ordinariat), wo Frau Priorin uns Konferenzen hielt. Es war gut so, wir wussten, wo wir hingehörten – von dort aus hörten wir voneinander. Nach der Verhaftung von Frau Priorin war Schw. Veronika unsere Zufluchtsstätte und Mittelpunkt unserer Gemeinschaft. Nach langem Überlegen entschloss ich mich, in mein Heimatdorf zu meinen Eltern zu gehen, wo ich Schutz und Geborgenheit fand. Ich hatte Angebote in Krankenhäuser; aber ich konnte mich in diese Misswirtschaft nicht hineindenken. Meine Eltern und Geschwister hatten alles verloren; so konnte ich ihnen und später dem ganzen Dorf viel helfen.
Ich meldete mich bei der Kollektivwirtschaft als Feldarbeiterin; im Winter war wenig Arbeit. Zwei Winter habe ich mit unseren bekannten Ärzten Entbindungen und Wochenpflegen in Privathäusern übernommen; auch Kinderärzte holten mich zu kranken Kindern. Es war eine schöne und dankbare Arbeit, aber schwer. – Im Sommer war es schön; die Feldarbeit hatte ich ja auch gelernt und sie machte mir Freude. Ich ging täglich mit meiner Schwägerin „Norma“ machen (Tagesleistung). Ich fühlte mich so unbeschwert in Gottes freier Natur; man konnte so schön meditieren und beten. Leider hörte die Herrlichkeit bald. auf. Ich wurde Equipenchef: Morgens bekam ich die Arbeitseinteilung vom Brigadier und 30 bis 40 Mann, denen ich die Arbeit einteilen und sie beobachten musste. Abends wurde alles abgemessen und ausgemessen und der Rapport abgegeben. Die Herren waren mit meiner Arbeit zufrieden, und die Arbeiter waren auch mit mir zufrieden. Es war eine interessante Arbeit. – Mein Brigadier schickte mich eines Morgens mit dem Arbeitsauftrag in den Kukuruz (Mais) mit einem Offizier und 120 Soldaten. Ich bemerkte, dass der Offizier mich beobachtete, und – das war nichts Besonderes. Die Arbeit wurde von mir eingeteilt, und zu Mittag fuhr ich mit dem zweirädrigen Wagen und einem schönen Pferd nach Hause zum Mittagessen – um 2 Uhr war ich wieder zurück. Am Arbeitsplatz angekommen, war kein Mensch zu sehen und zu hören. Die Sachen lagen wohl da, aber wo waren die Soldaten? Der Kukuruz war ungefähr 2 Meter hoch, dient wie ein Wald, und viele Hektar groß war das Feld. Ich machte mich auf die Suche. Da kam mir der Offizier entgegen – ich war sehr erschrocken und dachte: „Wenn der frech wird, was fange ich an?“ Wegzulaufen, hätte keinen Zweck gehabt. Ich ging also, als hätte ich keine Angst und fragte nach den Soldaten. Er war sehr freundlich und erklärte, sie wurden ganz unten arbeiten. Dann kam gleich die Frage: „Sind Sie verheiratet?“ Ich sagte: „Nein.“ – „Was sind Sie dann? Sie sind anders als die anderen.“ „Ich bin Klosterfrau“, sagte ich sehr ernst und ruhig. Er schaute mich einen Augenblick ganz eigenartig an, dann sagte er: „Das habe ich mir schon den ganzen Vormittag gedacht.“ Wir sprachen dann ziemlich lange miteinander; er war ein religiöser Mann und sehr glücklich, dass er mit einem Menschen über Gott reden konnte. Er hatte sich sehr ehrfürchtig von mir verabschiedet und sich bedankt für die schöne Stunde in heiligem Gespräch. – Ich war erschüttert und habe mich vor mir geschämt, weil dieser Mann mehr von mir hielt, als ich bin. Mein Schutzengel hat mich immer gut beschützt.
1952 kam ein Befehl von oben, es müsse ein Tageskinderheim über den Sommer weg errichtet werden. Die Herren vom Kollektiv hatten inzwischen herausbekommen, dass ich auch etwas anderes kann: Sie übergaben mir die Leitung dieser Einrichtung. Die Herren selber hatten keine Ahnung, so hatte ich es einerseits leicht – und doch schwer. Nach meinem Wissen und Können machte ich das Beste daraus; es fiel alles zur größten Zufriedenheit aus. Auch das Sanitätsamt war sehr zufrieden – das ganze war bescheiden und sauber. Bis zu 60 Kinder können aufgenommen werden im Alter von 5 bis 7 Jahren, von 6 Uhr in der Frühe bis 6 Uhr abends, mittags schlafen sie auch dort. Dieses sommerliche Tageskinderheim ist vom 1. Mai bis 1. November in Betrieb. Gleichzeitig war ich auch Krankenschwester für die Kollektivmitglieder. Da wir in unserem Dorf keinen Arzt hatten, stand ich oft vor schwierigen Situationen. Ich hatte eine große und verantwortungsvolle Arbeit; der Hl. Geist hatte viel mit mir zu tun, ständig musste ich ihn um Hilfe anrufen. Gott sei es gedankt – es ging immer gut.
Im Winter 1957/58 besuchte mich Schw. Waltrudis. Wir hofften ja, bald heimgehen zu können (ins Mutterhaus), und wir hatten doch noch einiges zu besprechen. Es war bitterkalt, ohne Schnee.
Am 4. Januar um 10 Uhr abends wurde ich zu einer im 6. Monat schwangeren Frau gerufen, die angeblich eine Grippe haben sollte, wie der Ehemann feststellte. Schw. Waltrudis begleitete mich zu der Kranken. Als wir aber in das Haus kamen, sah ich, dass die Frau starke Wehen hatte; Arzt war keiner im Dorf, und es war streng verboten, eine Entbindung zu Hause zu vollziehen. Im Nachbardorf, das vier Kilometer weit entfernt lag, war das Entbindungsheim. Der Weg war von den Traktoren aufgewühlt, und die riesigen Erdschollen waren zu Stein gefroren. Zwei Autos waren im Dorf. Das eine hatte keine Batterie, das andere kein Benzin. Die Wehen wurden immer stärker. Wir spannten Pferde an die Kutsche; aber schon unterwegs zur Entbindenden brach die Achse auf den holprigen Schollen. Es blieb nichts anderes übrig, als mit dem Leiterwagen auf dem zehn Kilometer weiten Umweg auf der „Wiener Landstraße“ das Entbindungsheim zu erreichen. Als der Wagen auf dem holprigen Pflaster sich in Bewegung setzte, rumpelte und schüttelte es gewaltig. Ich sah das Unglück kommen und rief alle Heiligen zu Hilfe. Inzwischen war es Mitternacht geworden. Nach ungefähr einem halben Kilometer Weg schrie die Frau, wir waren gerade am letzten Haus des Dorfes angekommen. Ich sprang vom Wagen, klopfte bei den Leuten und bat um Einlass für die Patientin. Kaum war sie im Bett, kam das Kind; es lebte. Ich machte es fertig und gab ihm die Nottaufe. Dann stellte ich fest, dass ein zweites Kind noch da war. Nach einer halben Stunde kam auch dieses und konnte noch getauft werden.
Mit heißen Flaschen versehen und in Kissen wurden Mutter und Kinder auf einem Lastwagen ins Spital nach Temeswar gebracht. Die Kinder starben am nächsten Tag. Gott sei Dank, hat die Mutter keine Komplikationen bekommen. Bei all der großen Aufregung hatte ich unsagbares Glück – wenn das auf der freien Landstraße passiert wäre, und die Frau wäre verblutet! Unvorstellbar.
Nun waren in unserem Dorf drei Krankenschwestern. Die eine wollte mir eine Grube graben und machte eine Anzeige, als hätte ich die Geburt absichtlich verzögert, um die Entbindung zu Hause zu machen. Ich wurde zur höchsten Parteistelle gerufen; da war man aber sehr freundlich und verständnisvoll. -Auf Grund meines Berichtes über diese tragische Entbindung bekam unsere Gemeinde auch ein Entbindungsheim. Das Sanitätsamt verlangte mich für das Dispensar und das Entbindungsheim. Geburten waren nicht allzu viele. Schweren Herzens verließ ich die Kollektivwirtschaft und das Kindertagesheim. Meine jahrelangen Mitarbeiter im Tagesheim waren gut eingearbeitet und machten alles so weiter, wie sie es von mir gelernt hatten.
Die ganze Arbeit war oft sehr hart. Es waren viele Hausbesuche bei den Kranken zu machen; der Arzt kam nur einmal in der Woche. In allem, was sich so an Krankheiten ereignete, waren wir auf eigene Füße gestellt. In diesen Jahren sammelte ich viel an Erfahrung. Wer das Banat bei schlechtem Wetter nicht kennt, kann sich den uferlosen Boden nicht vorstellen. Ja gibt es keine Steine, es ist alles Schwemmland; im Winter die bittere Kälte und im Sommer die Hitze und der dicke Staub. Wenn ich in der Nacht gerufen wurde, freute ich mich immer an dem einmalig schönen Sternenhimmel, an den Mondscheinnächten. – Durch diese Arbeit kam ich in jedes Haus, kannte alle Leute und konnte so viel seelsorgerliche Arbeit tun, Schwerkranke konnte ich rechtzeitig vorbereiten und ihnen den Priester schicken. Meine Landsleute hatten auch Vertrauen zu mir, und in manchen körperlichen und seelischen Leiden kamen sie, um Rat zu holen. Schwierig war es manchmal, wenn ich von zwei Seiten ins Vertrauen gezogen wurde in einer Sache! – Jeden Tag konnte ich kurz die hl. Messe besuchen, wenigstens zur hl. Kommunion, weil mein Arbeitsplatz in der Nähe der Kirche war. Einmal wurde ich bei der Partei angeklagt wegen meiner Kirchenbesuche. Ein Parteimitglied erzählte mir dies, als alles schon vorbei war. Der Parteichef erledigte die Anklage mit der Feststellung, dass er mich schon lange beobachtete. Ich würde meine Pflicht erfüllen wie keine andere, und außerdem sei Religionsfreiheit. – Ich fühlte mich nicht wohl über dieses Lob, im Gegenteil, meine Angst und Unsicherheit wuchs. Es ist schwer, wenn man nie weiß, wie und wo und von wem man beobachtet wird – man lebt in Angst, Unsicherheit und Unfreiheit.
Wenn ich all das, was ich geschrieben habe, überdenke, habe ich das Gefühl, dass vielleicht mancher denkt, es sei übertrieben. Es ist aber die Wirklichkeit gewesen. Die Jahre von 1949 bis 1965 waren gefahrvolle Jahre; ich fühlte mich in Gottes Hand, und das gab mir Kraft. Auch die Geborgenheit in der eigenen Familie war ein Segen. Vieles würde ich heute wohl anders machen; damals tat ich alles mit bestem Wissen und Gewissen. Die Regel St. Benedikts war meine Richtschnur.

Anmerkung: Die Benediktsregel (Regula Benedicti) ist eine im 6. Jahrhundert von Benedikt von Nursia verfasste Klosterordnung, die bis heute das Leben vieler Ordensleute und das geistliche Fundament der Benediktiner prägt: „Wenn du also zum himmlischen Vaterland eilst, wer immer du bist, nimm diese einfache Regel als Anfang und erfülle sie mit der Hilfe Christi. Dann wirst du schließlich unter dem Schutz Gottes zu den oben erwähnten Höhen der Lehre und der Tugend gelangen.“ Weltweit leben Mönche und Nonnen nach der Regel des Heiligen Benedikt. Sie ist jedoch nicht nur für sie die Grundlage des Lebens, sondern auch für viele andere, außerhalb der Klostermauern. Für heutige Fragen ist sie aktueller denn je: Wie gehe ich mit mir und anderen um? Wie mit den eigenen Anlagen und Fähigkeiten? Was brauche ich wirklich im Leben?
• Umfang: Die Regel besteht aus einem Prolog und 73 Kapiteln, die von kurzen Weisungen bis zu ausführlichen Anweisungen reichen.
• Motto und Leitgedanke: Sie beginnt mit dem Wort „Höre“ (höre, mein Sohn…) und schließt mit dem Wort „anreisen/ankommen“. Sie versteht das Kloster als „Schule für den Dienst des Herrn“.
• Themen: Die ersten Kapitel widmen sich dem geistlichen Fundament (Demut, Gehorsam, Schweigen), gefolgt von der Ordnung der Gottesdienste (Stundengebet), dem Tagesablauf, Regeln für die Gemeinschaft, dem Umgang mit Fehlern und der Gütergemeinschaft.
Lebensdaten: Magdalena Kammer, geboren am 11.06.1912 in Neubeschenowa (Dudestii Noi), verstorben am 30.12.1992 in Freiburg/Breisgau, Tochter von Peter Kammer (21.10.1876-12.12.1957, Neubeschenowa) und Elisabeth Ebner (30.10.1885 Neubeschenowa – 05.01.1984 Freiburg/Breisgau)